Selbstoptimierung vs. Persönliches Wachstum – Wessen Maßstäbe leben wir?
In meinem letzten Job habe ich mich intern für eine Führungsposition beworben. Ich habe lange dahin gearbeitet, die Extrameile gegangen, Aufgaben und Verantwortungen übernommen, die nie meine waren. All das nur um dann herauszufinden: ich war nie für diese Position gedacht.
Meine Ideen wurde genommen, meine Impulse umgesetzt, aber ich? Ich war zu “harmoniebedürftig”.
Mein erster Gedanke: Ich bin nicht genug. Ich muss härter werden. Lauter, sichtbarer, kompetenter, überzeugender.
Was ich damals nicht sah: „Harmoniebedürftig" war keine Messung, sondern eine Zuschreibung. Und sie entschied mit darüber, wer für Führung infrage kam. Ich habe sie als Mangel an mir gelesen und angefangen, an mir zu arbeiten, nach einem Maßstab, den ich nie bewusst gewählt hatte.
Irgendwann merkte ich:
Ich strebte nach Dingen, die nie meine eigene Sehnsucht waren.
Ich wollte nicht eine Führungskraft werden, was ich darunter eigentlich suchte, war etwas anderes: Menschen fördern und stärken.
Zwei Arten, an sich zu arbeiten
Morgenroutinen. Produktivitätssysteme.
Höher, schneller, weiter.
Der Selbstoptimierungsmarkt wächst seit Jahrzehnten. Und mit ihm auch die implizite Botschaft: Wir müssen kontinuierlich an uns arbeiten, um gut genug zu sein.
Selbstoptimierung ist nicht per se schlecht.
Mache ich Sport, weil ich einem kaum erreichbaren Ideal entsprechen will, oder weil ich mich damit in meinem Körper wohler fühle?
Lerne ich etwas Neues, weil ich fürchte, sonst nicht kompetent genug zu wirken, oder weil es mich wirklich interessiert?
Zwei verschiedene Dinge. Von außen sehen sie gleich aus.
Wenn Entwicklung nicht neutral ist
Für viele Women* of Color war "Entwicklung" nie eine freie Wahl. Sie hieß: angepasster werden. Kompatibler. Produktiver. Resilienter. Weniger fremd.
Der Druck kam selten laut.
Er kam als gut gemeinter Rat. Als unausgesprochene Erwartung. Als Zugehörigkeit, die an Bedingungen geknüpft ist.
Und wir navigieren nicht nur ein System, sondern mehrere gleichzeitig: die Erwartungen der Herkunftsfamilie, der Mehrheitsgesellschaft, des Arbeitsmarkts. Dazwischen suchen wir einen Ort, an dem wir ohne Übersetzungsleistung einfach sein können.
Wenn äußere Erwartungen zu inneren Antreibern werden
Das Model-Minority-Narrativ: Die Vorstellung, dass Menschen mit bestimmten Migrationsgeschichten besonders fleißig, angepasst und leistungsorientiert seien, ist nicht nur ein Klischee von außen.
Es klingt wie ein Kompliment und funktioniert als Zuschreibung, und es knüpft Anerkennung an Leistung.
Studien aus den USA zeigen einen Zusammenhang zwischen dem verinnerlichten Stereotyp und psychischer Belastung. Das sind Zusammenhänge, keine nachgewiesenen Ursachen, und sie stammen aus einem anderen Kontext. Dass es hier ähnlich wirkt, ist meine These.
Meine These ist auch: Dieser Druck bleibt nicht außen. Er wird zur inneren Stimme, zur Überzeugung, sich seinen Platz verdienen zu müssen.
Und wird als eigener Antrieb erlebt.
Genau deshalb ist Selbstoptimierung für viele von uns kein neutrales Thema. Sie ist das Symptom eines Systems, das bestimmte Menschen dazu bringt, sich selbst zu verbiegen und es Wachstum zu nennen.
Warum Selbstprüfung allein nicht reicht
„Wessen Agenda bediene ich?" klingt nach einer Frage, die man sich einfach stellen kann. Das Problem: Was von außen kommt, fühlt sich irgendwann von innen an wie eigener Antrieb.
Die Psychologen Edward Deci und Richard Ryan beschreiben das innere Antrieb in der Selbstbestimmungstheorie als Kontinuum. Erwartungen können verinnerlicht werden, ohne selbstbestimmt zu sein: Man tut etwas, um Anerkennung zu bekommen oder um sich nicht schlecht zu fühlen, und erlebt es trotzdem als „Das will ich".
Wer nur nach innen schaut, findet dort also oft schon die fremde Stimme. Nicht, weil man sich etwas vormacht, sondern weil man gelernt hat, was in dem eigenen Umfeld funktioniert.
Diese Anpassung ist eine Reaktion. Eine verständliche, die lange getragen hat. Aber es ist eine von mehreren möglichen.
Was stattdessen hilft
Statt „Was will ich wirklich?" helfen Fragen, die auch nach außen gehen:
Wer profitiert davon, dass ich diesen Maßstab erfülle?
Welche Funktion hat dieser Maßstab bisher für mich erfüllt und wo schränkt er mich heute ein?
Was würde ich anders tun, wenn Anerkennung nicht an Leistung gebunden wäre?
Welche meiner „Eigenschaften" sind Antworten auf Bedingungen, die ich vorgefunden habe?
Es geht darum, Prägungen, Muster und Barrieren sichtbar zu machen, bevor ich entscheide, was ich davon behalte. In meinem ZHAO-Framework nenne ich diesen Schritt Awareness. Wer ihn gegangen ist, kann anders wählen.
Wachstum heißt dann nicht, besser zu werden.
Es heißt, sich mit dem, was man ist, ernst zu nehmen, und selbst zu bestimmen, woran man sich misst.
Quellenangaben
Kim, J. et al. (2023). Acculturation/enculturation and internalized model minority myth in Korean immigrant families. PMC/NCBI. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10348698/
Gupta, A., Szymanski, D. M., & Leong, F. T. (2011). The "model minority myth": Internalized racialism of positive stereotypes as correlates of psychological distress. DePauw University Student Research. https://scholarship.depauw.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1065&context=studentresearch
Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68–78. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11392867/