Das ZHAO-Framework
Vier Perspektiven, die in meiner Coaching-Arbeit zusammenwirken
Die meisten Coaching-Modelle blenden Systeme nicht aus. Sie erwähnen Kontext, Umfeld, äußere Bedingungen. Aber sie nehmen diese Faktoren als gegeben hin: als Rahmen, in dem du zurechtkommen musst, nicht als etwas, das selbst infrage gestellt wird. Der Auftrag bleibt bei dir: Streng dich genug an. Bau genug Resilienz auf. Arbeite genug an dir.
Das Problem:
Strukturelle Nachteile werden so zu einer Frage der persönlichen Wetterfestigkeit. Wer in einem Umfeld arbeitet, das bestimmte Führungsstile nicht als Führung anerkennt, bekommt den Auftrag, resilienter zu werden – statt dass benannt wird, dass hier eine strukturelle Zuschreibung wirkt, die nicht einfach durch mehr Durchhaltevermögen verschwindet.
Für viele Frauen, mit denen ich arbeite, stimmt das nur zur Hälfte. Die andere Hälfte ist strukturell: Wer in einem Umfeld aufgewachsen ist, in dem Zurückhaltung Respekt und Höflichkeit bedeutet und diese später mit Unsicherheit, Inkompetenz oder Desinteresse verwechselt wird, hat nicht einfach "zu wenig Stärke". Diese Person hat eine Strategie entwickelt; eine, die in einem bestimmten Kontext funktioniert hat und in einem anderen zum Hindernis wird.
Deshalb arbeite ich mit vier Perspektiven, die beide Ebenen zusammenhalten: ZHAO – Zoom In & Out, Honor, Awareness, Ownership. Sie laufen nicht als Checkliste nacheinander ab. Sie kreisen, überlagern sich und kommen in wechselnder Reihenfolge ins Spiel, je nachdem, was gerade dran ist.
ZHAO ist aus meiner Arbeit entstanden und bildet ihr Herzstück. Es verbindet systemisches Coaching mit Themen wie Herkunft, Identität und Selbstbestimmung. Als Coach für Women* of Color arbeite ich dabei systemisch und orientiere mich an den ethischen Grundsätzen und den Kompetenzstandards der International Coaching Federation (ICF).
Z – Zoom In & Out: Den Blick nach innen und außen
Zoom In & Out ist eine Blickbewegung in zwei Richtungen.
Nach innen: Wir reflektieren Werte, Stärken und Prägungen, um persönliche Muster zu erkennen.
Nach außen: Wir beobachten die Wirkung unserer eigenen (oft unbewussten) Verhaltensweisen im Umfeld.
Dieses Hin- und Herschauen ermöglicht es, verborgene Muster zu entdecken und besser zu verstehen, wie sie das eigene Leben und die berufliche Entwicklung beeinflussen.
H – Honor: Eigene Geschichte würdigen
Du bringst eine Geschichte mit, geprägt durch Herkunft, Erfahrungen und Identität. Honor widmet sich dieser Geschichte, nicht um sie zu erklären oder zu rechtfertigen, sondern um sie als das zu würdigen, was sie ist: eine Quelle von Stärke und Ressourcen.
Die Fähigkeit, in mehreren kulturellen Kontexten gleichzeitig zu navigieren, ist kein Nebeneffekt einer schwierigen Kindheit. Es ist eine erworbene Kompetenz.
Aus dieser Würdigung heraus entsteht etwas Konkretes: eine Präsenz, die trägt – nicht weil sie einem Ideal entspricht, sondern weil sie auf tatsächlich vorhandenen Ressourcen aufbaut, statt auf einem Bild, das erst noch erreicht werden müsste.
A – Awareness: Hindernisse erkennen
Awareness richtet den Blick auf das, was Entwicklung erschwert:
hinderliche Überzeugungen und Glaubenssätze
gesellschaftliche Zuschreibungen
strukturelle Barrieren
Wir schauen gemeinsam, welche Glaubenssätze dich tatsächlich behindern und welcher Teil davon eine gesellschaftliche Zuschreibung ist, die von außen kam und die du irgendwann verinnerlicht hast.
Der Unterschied ist entscheidend. "Ich muss mich mehr durchsetzen" ist eine andere Aussage als "Mir wird abgesprochen, dass ich führen kann, wenn ich nicht in ein bestimmtes Muster passe." Die erste Aussage schickt dich zurück an die Arbeit an dir selbst. Die zweite eröffnet Handlungsoptionen, die vorher gar nicht sichtbar waren, weil das Problem nicht mehr ausschließlich bei dir verortet ist.
Indem wir uns über Einschränkungen klar werden, können wir gezielt Strategien entwickeln, um mit ihnen umzugehen, und entscheiden, wo du sie hinnimmst, umgehst oder sichtbar machst.
Das ist der Punkt, an dem sich zeigt, ob ein Coaching-Prozess strukturelle Realität ernst nimmt oder sie stillschweigend zu einem persönlichen Projekt macht.
O – Ownership: Verantwortung übernehmen
Ownership ist der Teil, an dem viele Modelle ansetzen, ohne die anderen drei Perspektiven mitzudenken. Der Unterschied liegt darin, was mitgedacht wird. Verantwortung zu übernehmen für etwas, das nicht eingeordnet wurde, führt oft zurück in die Selbstoptimierung: noch mehr an sich arbeiten, noch mehr leisten.
Verantwortung zu übernehmen, während klar ist, was strukturell und was individuell ist, sieht anders aus. Es bedeutet: aus mehreren möglichen Reaktionen bewusst eine zu wählen, nicht die einzig mögliche zu exekutieren.
Es geht darum, die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen:
Eine klare Strategie entwickeln: Welche Schritte führen zu beruflicher und persönlicher Weiterentwicklung?
Entscheidungen bewusst treffen
Ziele in konkrete, machbare Schritte übersetzen
Ownership bedeutet, aktiv die eigene Entwicklung zu gestalten, auch unter Bedingungen, die du dir nicht ausgesucht hast.
Warum es nicht bei einer Perspektive bleibt
Jede der vier kippt, wenn sie allein steht.
Ownership ohne Awareness landet bei der Botschaft: Du hättest es nur früher besser machen müssen. Awareness ohne Ownership landet bei einer Erklärung ohne Handlungsspielraum. Und strukturelle Analyse ohne Würdigung (Honor) kann in einen reinen Defizitblick auf die eigene Geschichte kippen.
Deshalb ist ZHAO kein Ablaufplan, sondern eher vier Blickrichtungen, zwischen denen wir wechseln. Eine Frage nach deiner Wirkung auf andere kann direkt bei einer Zuschreibung landen. Eine Zuschreibung führt oft zu etwas, das du lange als selbstverständlich gesehen hast. Und im nächsten Moment steht die Frage: Was machst du damit? Was beim ersten Hinsehen wie eine persönliche Unsicherheit aussah, zeigt sich aus einer anderen Perspektive vielleicht als das, was es ist: eine Reaktion auf eine wiederkehrende Erfahrung oder Zuschreibung. Und eine Reaktion ist eine von mehreren möglichen.
Wer neugierig geworden ist, kann im Coaching erfahren, wie ZHAO auf die eigene Situation angewendet wird: welche Zuschreibungen dort wirken, welche Ressourcen schon da sind und welcher Handlungsspielraum sich daraus ergibt.
Ob das für dich passt, finden wir am besten in einem unverbindlichen Erstgespräch heraus. Hier kannst du einen Termin buchen.