Warum wir nicht alles allein schaffen müssen
- Chenxi Zhao
- 11. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Jan.
Ich habe lange geglaubt, dass ich alles alleine schaffen muss. Dass Hilfe holen ein Zeichen von Schwäche ist. Dass ich anderen nicht zur Last fallen darf.
Und all das begleitet von dem Gefühl, immer funktionieren zu müssen, und trotzdem nie genug zu sein.
Irgendwann konnte ich die Sache aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
Ich helfe gerne. Und wenn andere meine Unterstützung brauchen, beurteile ich sie nicht als schwach. Im Gegenteil: Ich sehe darin ihr Mut, ihr Vertrauen und ihre Wertschätzung mir gegenüber.
Und ich erkannte: Den meisten Menschen geht es genauso.
Sie helfen gern. Nicht aus Pflicht, sondern aus Verbundenheit.
Gerade jetzt – auch wenn ich es kommen sehe – frisch in die Selbständigkeit, taucht dieses alte Muster bei mir verstärkt auf.
Früher hätte ich mich dafür innerlich fertig gemacht: ich müsste doch schon „weiter sein“, stabiler, souveräner, “erfolgreicher”, ganz ohne dieses dauerhafte Gefühl, es noch nicht richtig zu machen.
Heute gehe ich anders damit um. Ich suche aktiv Austausch. Ich spreche darüber. Ich lasse mich unterstützen. Und ich spüre: Ich bin damit nicht allein.
Das gibt mir Kraft. Und Zuversicht.
Denn wenn wir ehrlich sind:
Wenn wir alles alleine schaffen könnten, oder sogar sollten, wozu bräuchten wir dann noch einander?
Studien zeigen, dass soziale Unterstützung – also gegenseitiges Geben und Annehmen – unsere Beziehungen stärkt und unsere Resilienz fördert.
Sie vermittelt uns das Gefühl, mit unseren Herausforderungen nicht allein zu sein, verstanden zu werden und Rückhalt zu haben, gerade dann, wenn es schwierig wird.
Zudem beschreibt sozialpsychologische Forschung den sogenannten Ben‑Franklin‑Effekt: Wenn wir jemandem geholfen haben, neigen wir dazu, diese Person positiver wahrzunehmen – ein Hinweis darauf, wie Unterstützung Verbundenheit fördern kann.
Doch warum fällt es uns so schwer, uns Unterstützung zu erlauben, obwohl sie uns nicht schwächt, sondern entlastet und stärkt?
Oft liegt darunter eine stille Scham.
Ein tiefes Gefühl, das mit der Angst einhergeht, nicht genug zu sein, Erwartungen nicht zu erfüllen oder anderen zur Last zu fallen, wenn wir Unterstützung brauchen.
Es bringt uns dazu, weiter zu funktionieren, selbst dann, wenn wir längst am Ende unserer Kraft sind.
Dieses Muster entsteht nicht zufällig.
Oft ist es eine Antwort auf frühe Erfahrungen, Erwartungen und darauf, was als „stark sein“ gegolten hat:
durchhalten, sich zusammenreißen, keine Umstände machen.
Es ist eine erlernte Strategie, die uns einmal geschützt hat.
Vor Zurückweisung. Vor Beschämung. Vor Enttäuschung.
Es war eine Strategie, um würdevoll, handlungsfähig und sicher zu bleiben.
Nur: Was uns früher geschützt hat, kann uns heute begrenzen.
Das Muster begegnet mir bei vielen Menschen. Besonders häufig bei denen, die früh gelernt haben, Verantwortung zu tragen und sich selbst zurückzunehmen.
Sie geben viel, tragen viel. Sie unterstützen überall dort, wo sie gebraucht werden.
Und ihre eigenen Bedürfnisse bleiben dabei häufig auf der Strecke.
Vielleicht geht es deshalb nicht darum, noch unabhängiger oder stärker zu werden.
Sondern darum, uns zu erlauben, nicht alles allein tragen zu müssen.
Hilfe holen ist kein Zeichen von Schwäche – es ist Stärke.
Es ist ein Ausdruck von Mut, Vertrauen und Selbstfürsorge.
Denn wer um Unterstützung bittet, zeigt nicht Bedürftigkeit, sondern die Bereitschaft, sich selbst ernst zu nehmen. Und die Verantwortung – für uns selbst und für die Menschen, die uns wichtig sind.
Wenn du dieses Gefühl kennst, alles alleine tragen zu müssen, gibt dir heute die Erlaubnis, loszulassen, durchzuatmen und dir sagen:
„Es ist okay, ich muss nicht alles alleine schaffen. Ich darf auf meine Bedürfnisse hören und mir Hilfe holen wenn ich sie brauche.“
Genau dafür halte ich heute Räume im Coaching, in denen nichts bewiesen werden muss.
Räume, in denen du wieder zu dich selbst findest und deine volle Kraft entfalten kannst.
Fragen zum Mitnehmen:
Wann hättest du Unterstützung annehmen können – und was hat dich davon abgehalten?
Welche Bedürfnisse blendest du gerade aus, weil du glaubst, alles allein regeln zu müssen?